Mindestens 20 Menschen sind am Donnerstag bei russischen Angriffen in der Ukraine ums Leben gekommen. Allein am Bahnhof der Großstadt Dnipro wurden nach ukrainischen Behördenangaben mindestens 14 Menschen getötet und 14 weitere verletzt. Eine Drohne mit Düsenantrieb traf einen Bahnsteig, an dem ein Zug in Richtung Saporischschja stand. Für ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz, der seit 2014 aus der Ukraine berichtet, sind diese Angriffe Teil einer umfassenden russischen Kriegsstrategie. Moskau versuche, die Ukraine durch systematische Luftangriffe zur Aufgabe zu zwingen.
Russland will Ukraine "sturmreif schießen"
"Es geht darum, den Gegner durch Luftkriege zur Aufgabe, zur Kapitulation zu zwingen", erklärt Wehrschütz in der ZiB2. Dabei gehe Russland gezielt gegen jene Infrastruktur vor, die für das Funktionieren des Landes notwendig ist. Dazu zählen auch Züge und Lokomotiven. Weil es den russischen Truppen offensichtlich nicht gelinge, die ukrainischen Streitkräfte an der Front zu überrennen, setze Moskau verstärkt auf Angriffe aus der Luft. Das Ziel sei, den Gegner in den kommenden Wintermonaten "quasi sturmreif zu schießen", so der Korrespondent. Ein zusätzliches Problem sei die Gewöhnung der Bevölkerung an die ständige Gefahr. In vielen Regionen gebe es mittlerweile derart häufig Fliegeralarm, dass Warnungen zunehmend ignoriert würden. Gerade bei Angriffen wie jenem auf den Bahnhof in Dnipro könne das tödliche Folgen haben.
Ukrainer verlassen Kiew vor dem Winter
Besonders kritisch beurteilt Wehrschütz die Lage der Energieversorgung. Schon die massiven russischen Angriffe im vergangenen Winter hätten Schäden verursacht, die bis heute nicht vollständig behoben werden konnten. "Das ist natürlich etwas, was die Ukraine an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit bringt", erklärt er. Zwar seien zahlreiche Ersatzteile beschafft worden, gleichzeitig versuche man, Kraftwerke und Umspannwerke durch Schutznetze und Befestigungen besser gegen neue Angriffe abzusichern. Selbst wiederholt getroffene Anlagen würden zumindest provisorisch repariert.
Die schwierige Situation hat nach Beobachtungen des Korrespondenten auch Auswirkungen auf die Bevölkerung. Viele Menschen verlassen Kiew und ziehen in den weniger stark bombardierten Westen des Landes oder aufs Land. Dort seien die Wohnungs- und Mietpreise bereits massiv gestiegen. Wer bleibt, versucht sich auf mögliche Ausfälle vorzubereiten. Bewohner legen Wasservorräte an, Hausgemeinschaften kaufen Generatoren. Doch die Möglichkeiten, sich gegen die Folgen weiterer Angriffe zu schützen, bleiben begrenzt.
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Waffenruhe bringt nur wenig Hoffnung
Wehrschütz bezeichnet die Feuerpause als bisher stabil. Schwierigkeiten gebe es vor allem bei den Evakuierungsrouten und bei Bewohnern, die ihre Heimat trotz der gefährlichen Lage nicht verlassen wollen. Andere hätten Angst, gegen ihren Willen an einen anderen Ort gebracht zu werden. "Das ist wenigstens ein geringer menschlicher Zug in diesem Krieg", sagt der ORF-Korrespondent. Dass daraus eine umfassendere Friedensinitiative entstehen könnte, glaubt Wehrschütz allerdings nicht. Die Waffenruhe sei isoliert zu betrachten. Er vermutet vielmehr einen Zusammenhang mit den bevorstehenden Zwischenwahlen in den USA und sieht in der prominenten Rolle von First Lady Melania Trump auch ein politisches Kalkül.
Europa bei Verhandlungen nur Zaungast
Skeptisch ist Wehrschütz auch hinsichtlich der internationalen Friedensbemühungen. Zwar gebe es weiterhin Kontakte zwischen den Kriegsparteien und Gespräche über weitere Verhandlungen in Abu Dhabi. Unklar sei allerdings, wie diese überhaupt organisiert seien und welche konkreten Fortschritte erzielt würden. Auch die jüngsten Telefonate des finnischen Präsidenten Alexander Stubb und des norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre mit Kremlchef Wladimir Putin würden an der grundsätzlichen Situation wenig ändern. Besonders kritisch sieht Wehrschütz dabei die Rolle Europas. Die europäischen Staaten hätten es bisher weder geschafft, einen gemeinsamen Friedensplan auszuarbeiten, noch einen gemeinsamen Unterhändler zu bestimmen. "Also die Europäer finanzieren den Krieg, sind aber offensichtlich derzeit nach wie vor nur Zaungäste bei Verhandlungen", urteilt der Korrespondent.
Drohnen machen Journalistenarbeit gefährlicher
Wie sehr sich der Krieg verändert hat, erlebt Wehrschütz bei seiner eigenen Arbeit. Seit seinen ersten Einsätzen im Jahr 2014 sei insbesondere die Gefahr durch Drohnen dramatisch gestiegen. "Die Gefahr des russischen Roulettes hat massiv zugenommen", schildert er. Während der Drohnenkrieg damals noch in den Anfängen steckte, dominiere er mittlerweile das Kampfgeschehen. Rund um die ostukrainische Stadt Kramatorsk seien Straßen über Hunderte Kilometer mit Schutznetzen gegen Drohnen überspannt. Die Bedrohung beschränke sich längst nicht mehr auf die unmittelbare Front.
Wie unberechenbar die Situation geworden ist, verdeutlicht Wehrschütz anhand eigener Dreharbeiten. Sein Team habe bereits Drohnenfabriken gefilmt, die wenig später selbst beschossen wurden. "Die Gefahr, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein, hat massiv zugenommen", sagt der langjährige Kriegsreporter. Gerade für Journalisten, die sich ein eigenes Bild von der Lage machen wollen, werde die Arbeit dadurch immer schwieriger.
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