Jugendkriminalität

Expertin gegen Senkung der Strafmündigkeit

Person mit schwarzem Hoodie steht nachts auf einer beleuchteten Stadtstraße.
© Getty Images
Im Zuge der Diskussionen um nicht strafmündige Minderjährige mit delinquentem Verhalten hat sich die Direktorin der Innsbrucker Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Kathrin Sevecke dezidiert gegen eine Senkung des Strafmündigkeitsalters auf unter 14 Jahren ausgesprochen.
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Im Gegensatz dazu hält sie geschlossene Einrichtungen in Einzelfällen für eine sinnvolle Erweiterung der Behandlungsmöglichkeiten, nicht jedoch "gefängnisähnliche Unterbringungen".

"Es gibt keine wissenschaftliche Evidenz dafür, dass es Sinn macht, die Kids früher im Gefängnis einzusperren. Im Gegenteil, das hat ganz klar negative Effekte", meinte die Primaria und Abteilungsvorständin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Landeskrankenhaus Hall in Tirol im APA-Gespräch. Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) hatte vergangene Woche den österreichweiten Ausbau von "gefängnisähnlichen Unterbringungen" für nicht strafmündige Intensivtäter auf einer Pressekonferenz in Wien befürwortet. In der Bundeshauptstadt ist seit 13. Juli die umstrittene "Auszeit-WG" für unmündige Intensivtäter in Betrieb.

Gleichzeitig sei anzuerkennen, dass bei einzelnen Minderjährigen aufgrund von massivem delinquenten oder selbst- und fremdgefährdenden Verhalten eine besonders geschützte Umgebung erforderlich sein könne. Geschlossene Einrichtungen würden verbindliche Kinderschutzkonzepte brauchen. Erforderlich seien auch "klar geregelte, längerfristige und entwicklungsorientierte Betreuungsangebote, die eine kontinuierliche Beziehungsgestaltung ermöglichen und über ein abgestuftes Konzept schrittweise wieder zu einer Reintegrationsmöglichkeit in Familie, Schule, Ausbildung und Gesellschaft führen."

Hinsichtlich der immer wieder diskutierten Absenkung des Strafmündigkeitsalters verwies Sevecke auf eine von ihr mitverfasste Stellungnahme der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, in deren Präsidium Sevecke sitzt und deren Präsidentin sie ab September erneut sein wird. Dort hieß es, dass internationale Erfahrungen gezeigt hätten, dass ein solcher Schritt keinen überzeugenden kriminalpräventiven Effekt erzielt habe und mitunter nach erfolgter Absenkung wieder zurückgenommen wurde. Eine weitere Absenkung würde vielmehr die Gefahr erhöhen, dass noch jüngere Kinder und Jugendliche in U-Haft oder Strafhaft angehalten werden können. "Eine solche Entwicklung wäre aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht äußerst problematisch und könnte die weitere soziale, psychische und entwicklungsbezogene Entwicklung zusätzlich gefährden", argumentierte Sevecke.

Social Media-Gebrauch bei fast allen Patienten Thema

Die Radikalisierung einzelner Jugendlichen sei eine der mannigfaltigen Auswirkungen von Social Media, so Sevecke. "Der Social Media-Gebrauch ist nahezu bei all unseren Patienten Thema", erklärte die Expertin und zählte Auswirkungen davon auf: Diese würden von Essstörungen über Cybermobbing und -grooming (die gezielte Kontaktaufnahme Erwachsener zu Minderjährigen im Internet, um sexuellen Missbrauch anzubahnen, Anm.) bis hin zur Radikalisierung reichen. Dringendste Themen für die Jugend würden also die Konsequenzen des schädlichen Social Media-Konsums bleiben.

Mit Besorgnis betrachtete Sevecke auch einen weiteren Aspekt aus dem digitalen Raum: Kinder und Jugendliche würden sich immer öfter an eine KI wenden, um über ihre emotionalen Zustände zu sprechen. "Wir führen derzeit eine Studie zu diesem Thema durch." Da die Studie laufend sei, könne die Expertin dazu noch nichts sagen, doch sieht sie den Kontakt zur KI zur Emotionsregulierung kritisch: "Die Kinder und Jugendlichen benutzen das als Ersatz für eine Person oder therapeutischen Kontakt und könnten so deutlich später therapeutische Angebote wahrnehmen."

Expertin für Social Media-Verbot ab 16

Sevecke hatte sich für ein Social Media-Verbot ab 16 Jahren ausgesprochen und sah die Pläne für ein Verbot ab 14 Jahren als nicht ausreichend an. "In der Jugend sind Persönlichkeits- und Gehirnentwicklung noch lange nicht abgeschlossen. Für mich ist daher jedes Jahr, in dem man Jugendliche vor Social Media schützen kann, wertvoll." Des Weiteren müssten Kinder und Jugendliche den Umgang mit Social Media und KI lernen, doch auch Eltern bräuchten mehr Medienkompetenz. Diese dürfte man aber mit dem Thema nicht alleine lassen. Die Kinder- und Jugendpsychiaterin forderte daher erneut, dass Schulen mehr Kompetenzen und dafür auch mehr Ressourcen, also auch finanzielle Mittel, für das Lehren von psychischer Gesundheit bekommen. Dazu gehören etwa der Umgang mit Stress, Informationen über gesunden Schlaf, Essstörungen oder Depressionen - damit sich die Jugend besser schützen und Anzeichen erkennen könne. "Die Jugendlichen sind oft erstaunlich uninformiert, wenn es darum geht zu wissen, wo man sich Unterstützung holen kann."

Auch über die Gefahr von Drogen sollten Schülerinnen und Schüler lernen, denn: "Alle Substanzen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen und verfügbar. In Innsbruck gibt es mehrere Plätze, wo man alles bekommen kann. Da wird sich auch über Social Media ausgetauscht - der Weg zur Droge ist erschreckend unkompliziert", berichtete Sevecke. Die Konsumentinnen und Konsumenten würden dabei immer jünger, der Konsum sei hochriskant: "Es wird überhaupt nicht nachgedacht, was mit was kombiniert wird - das kann unter anderem zum Atemstillstand führen."

Auf der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tirol herrsche jedenfalls reger Betrieb: "Wir haben täglich Akut-Aufnahmen und -Vorstellungen, derzeit befinden sich 80 Kinder und Jugendliche auf der Warteliste", gab Sevecke Einblick in die aktuelle Lage. Obwohl im sogenannten Regionalen Strukturplan Gesundheit der Kinder- und Jugendpsychiatrie bedarfsorientiert Plätze zugesprochen worden seien, gebe es aktuell keine finanziellen Mittel für bauliche Maßnahmen oder Stellen.

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